EBBA ROHWEDER
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BLÜHENDE LANDSCHAFT
Zwangsarbeit unter dem
NS-Regime


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BLÜHENDE LANDSCHAFT - Zwangsarbeit unter dem NS-Regime

Szenische Komposition für Ensemble und Video, 1997

UA: Kulturzentrum Weiße Rose, Berlin 1998
Susanne Kukies-Stimme, Kirsten Reese-Flöten, Günter Heinz-Posaune,
Robin Hayward-Tuba, Veronika Otto - Cello, Matthias Bauer – Kontrabass



Angeregt durch eine befreundete Schriftstellerin, die mir ein von ihr verfasstes Opernlibretto zum Thema Emigration während des Nationalsozialismus zum Lesen gab, begann ich, mich mit dieser Zeit zu beschäftigen - und stellte erschrocken fest, wie wenig konkretes Wissen ich hatte.

Ich wollte mehr erfahren und fing an, zahlreiche Bücher zu lesen. Wiederholt stieß ich dabei auf das Thema Zwangsarbeit unter dem NS-Regime, ohne eine umfassende Publikation darüber zu finden. So begann ich, aus unterschiedlichen Quellen Informationen zu sammeln, die es zum Thema Zwangsarbeit unter dem NS-Regime gab und nahm direkten Kontakt zu ehemaligen Zwangsarbeiter*innen und deren Organisationen auf.

Die Komposition Blühende Landschaft setzt sich in einzelnen Szenen musikalisch und gestisch mit dem Thema Zwangsarbeit auseinander und beleuchtet es aus unterschiedlichen Blickwinkeln: 6 Musiker*innen sind um das Publikum herum positioniert und beginnen, laut zu atmen – gemeinsam lauter oder leiser werdend, rhythmisch akzentuiert, um dann abrupt zu enden. Dann ist nur noch eine auf der Bühne liegende, schlafende Person zu sehen, die grell durch einen Spot beleuchtet wird.


solvay


Am Ende der ca. 35 Minuten dauernden Aufführung wird ein Video eingeblendet, welches mehr als 1.000 Firmen und Betriebe auflistet, die ZwangsarbeiterInnen ausgebeutet haben, wie z.B. AEG, Bosch und Siemens aber auch kleinere Firmen wie Weleda. Diese Liste habe ich aus diversen Quellen zusammengestellt - mittlerweile ist bekannt, dass von über 90% der deutschen Firmen und in der Landwirtschaft ZwangsarbeiterInnen ausgebeutet wurden, aber auch von Kommunen und kirchlichen Einrichtungen.

Die Aufführung von Blühende Landschaft fand im Rahmen des alljährlichen Aktionstag gegen Rassismus und Neonazismus im Jugendkulturzentrum Weiße Rose in Berlin statt. Zahlreiche Initiativen informierten im Foyer anläßlich der Veranstaltung über Zwangsarbeit, u.a. die Berliner Geschichtswerkstatt, der Dachverband der Kritischen Aktionäre und Aktionärinnen, die Interessen-gemeinschaft ehemaliger Zwangsarbeiter unter dem NS-Regime und der Deutsche Jugendverband.

Mein Dank gilt vor allem den ehemaligen Zwangsarbeiter*innen, ohne deren Unterstützung ich diese Komposition nicht hätte verwirklichen können. Nennen möchte ich dabei vor allem Irmgard Konrad, Schura Terletska und Lisl Jäger, die sich u.a. dazu bereiterklärten, den 6 Musiker*innen der Uraufführung persönlich über ihre Erlebnisse zu berichten.

Die Uraufführung 1998 von Blühende Landschaft fiel in eine Zeit, als nach über 50 Jahren endlich begonnen wurde, in der deutschen Öffentlichkeit über das Thema Zwangsarbeit während des Nationalsozialismus diskutiert zu werden. Die Komposition Blühende Landschaft war Teil einer weltweiten Kampagne, die die Forderung nach Anerkennung und Entschädigung der ehemaligen ZwangsarbeiterInnen unterstützt und an die Öffentlichkeit gebracht hat.


Neues Deutschland, 10. Sept. 1998

Der Atem einer schlimmen Zeit
Szenische Komposition zu Zwangsarbeit zur NS-Zeit

Sechs musikalische Akteure umstehen im Rechteck die Besucher. Ruhiges Atmen, dann hektisches Hecheln ist zu hören. Beginn einer ungewöhnlichen szenischen Komposition. Es geht um Zwangsarbeit unter dem NS-Regime. Zwei davon Betroffene, die Deutsche Irmgard Konrad und die Ukrainerin Schura Terletska, sitzen im Publikum. »Mir fängt das Herz an wehzutun«, sagt Letztere auf Russisch.

Die bekannte Berliner Flötistin Ebba Rohweder, auch eine engagierte Komponistin, zielt dabei nicht auf den großen Aufschrei. Es sind die verhaltenen Momente, die diese Uraufführung in der Schwartzschen Villa in Berlin-Steglitz bestimmen. Nicht das Spektakuläre, das Aufwühlende. Sparsam mischen sich Kommentar und Dokumentation. Erst nach und nach greifen fünf Musiker (mit Flöte, Violoncello, Kontrabaß, Posaune, Tuba) zu ihren Instrumenten: Kirsten Reese, Veronika Otto, Matthias Bauer, Günter Heinz, Robin Hayward. Und im Grunde benutzt auch Susanne Kukies ihre Stimme vorwiegend als Instrument, formt zeitweise nur Vokal- und Konsonanten-Ketten, ehe sie auch englische Kurztexte in dieser halbszenischen Aufführung spricht. Zwischendurch aber lange Lesungen von Straßennamen-Listen, ineinandergreifend von drei Sprechern - von Ahornallee über Sonnenallee bis Zehdenicker Straße. In allen gab es Außen- und Nebenlager.

Nicht alle Besucher bleiben an diesem Abend bis zum Schluß. Denn nach dem eigentlichen 30 Minuten Dokumentations-Konzert mit den Cello-Glissandi und -Kantilenen, den Tuba- und Posaunen-Einwürfen und dem dunklen Raunen des Kontrabasses, verhaltenen und mitunter leicht schrillen Flötentönen folgen noch knapp zwei Stunden. Zumeist als musiklose Video-Vorführung von Namenslisten jener deutschen Betriebe, die von der Zwangsarbeit profitierten und solcherart nun wirklich - so der Haupttitel des Stückes »Blühende Landschaft« - profitabel gestaltet bekamen.

 



trabajos forzados II
Susanne Kuckies - Stimme, Robin Hayward-Tuba, Veronika Otto-Cello



Diese Anfangsszenen sind inspiriert von William G. Niederland, der den Begriff des „Überlebendensyndrom“ eingeführt hat. Er bezeichnete damit psychische Folgeerscheinungen aufgrund von Verfolgung, die auch nach einer nicht mehr existierenden physischen Verfolgung weiterwirken können – nach dem 2. Weltkrieg ein entscheidendes Argument bei Anträgen auf Entschädigung.

Eine weitere Szene basiert auf einer Landkarte, auf denen sämtliche KZs, Neben- und Außenlager verzeichnet sind: Notenlinien überziehen die Karte und den einzelnen Zeichen sind bestimmte Spielanweisungen zugeordnet - sowohl einzelne Töne mit unterschiedlicher Dynamik als auch Schabe- und Wischgeräusche.

In die Stille erahnt man Straßennamen: Es werden Straßen aufgezählt, in denen ZwangsarbeiterInnen zur Arbeit verpflichtet wurden. Dann wird der Saal verdunkelt und man hört nur noch einen einzelnen leisen Ton, der unerwartet von einem lauten Ausbruch aller MusikerInnen unterbrochen wird. Einzelne Gesetzestexte werden in die Ausbrüche geschrien, die die Ablehnung von Entschädigungsforderungen begründen.


trabajos forzados 01
Matthias Bauer-contrabajo, Kirsten Reese-flautas, Günter Heinz-trombón

 

 

 

 


 

Jene, die dem Osten Deutschlands »blühende Landschaften« verheißen, haben bis jetzt nichts getan, um Entschädigung für die über zehn Millionen Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter - meist damals 20jährige Frauen, verschleppt aus vielen Ländern, vor allem aber aus dem Osten - zu erwirken, die mit ihrer leidvollen Sklavenarbeit den Grundstein mit legten für den »blühenden Westen«.

Ebba Rohweder verbündete sich im Vorfeld dieser szenischen Komposition mit ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und ihrer Interessengemeinschaft und auch mit den »Kritischen Aktionärinnen und Aktionären«, z.B. bei Siemens. Sie hat verschiedene Listen zusammengeführt. Die Zahl der Firmennamen, von A bis Z auf dem Video (Klaus Wendler) aufgelistet, liegt nun bei 1500. Solvay ist dabei (der DEFA-Film »Geheimakten Solvay« gab schon 1952 darüber Auskunft - in der DDR), AEG, BASF, in Berlin auch öffentliche Betriebe wie BEWAG und BVG. Eine Mahnung besonderer Art.

Die Komponistin hat ihr Werk - sie möchte nicht wie andere ihrer Kollegen nur ihr eigenes Innere reflektieren - mit in den Dienst des morgigen Aktionstages gegen Rassismus und Neonazismus, des Tages der Erinnerung, Mahnung und Begegnung gestellt und wiederholt mit ihren Interpreten die Aufführung am Vorabend (12.9.), 20 Uhr, in der Schöneberger »Weißen Rose« (Martin-Luther-Str. 77). Auch künftig möchte sie mit ihrer Komposition dazu beitragen, den Forderungen der ehemaligen Zwangsarbeiter, der Geschundenen, Gequälten, Ausgebeuteten, Gehör und Nachdruck zu verschaffen. In Konzentrationslagern wurde zusätzlich zu den kassierten »Verleih«-Löhnen für die Häftlinge selbst noch, aktenkundig, »Erlös aus rationaler Verwertung« der gemordeten Häftlinge gezogen. Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß erklärte in seinem Prozeß, Ende 1944 hätten 400 000 KZ-Häftlinge in der privaten Rüstungsindustrie gearbeitet. Diese habe man »niemals ... der Industrie angeboten«, die hätte stets selbst darum nachgesucht.

Lucie Walter